Karen Weinert | Fotografie

Menschen des 21. Jahrhunderts (Gemeinschaftsarbeit mit Thomas Bachler)

Portraitserie
Fotografien mit geprägter Berufsbezeichnung in Passepartout, gerahmt (20x20 auf 40x50cm)
Aufnahmeformat: 6x6, sw-Neg., seit 2007



Kann man seinen Beruf erfinden? Der Volksmund würde das wohl verneinen und statt dessen lieber vom Finden der eigenen Berufung sprechen, was nicht nur nach Tradition klingt, sondern zugleich das aktuelle Ideal einer individuellen Lebensgestaltung zum Ausdruck bringt. Doch einem genauen Blick hält die vermeintlich enge Bindung zwischen Arbeit und Lebensentwurf nicht wirklich stand, nur der Wunsch nach einer solchen scheint in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit und prekärer Arbeitsverhältnisse stärker denn je.

Thomas Bachler und Karen Weinert erfinden Berufe und das sogar systematisch in großer Zahl. In einer Reihe von inszenierten Porträtfotos zeigen sie Menschen bei der Ausübung von Berufen, die es zumindest dem Namen nach eigentlich nicht gibt. Noch nicht, müsste man genauer sagen, denn wer die Serie ohne näheres Wissen anschaut, dem erscheinen die dargestellten und benannten Tätigkeiten, wenn schon unbekannt, so doch meistens glaubwürdig. Diese „Menschen des 21. Jahrhunderts“ sind natürlich eine Paraphrase von August Sanders berühmten Porträts aus den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, in denen uns, wie Alfred Döblin es im Vorwort zu „Antlitz der Zeit“ beschrieb, eine die Gesichter formende Kollektivkraft der Gesellschaft begegnet.

Tatsächlich finden wir die Grundlage der Konzeption beider Fotoreihen, sowohl von Sander als auch von Bachler und Weinert, gleichermaßen in der Erfahrung sich wandelnder Arbeitswelten, ergo sich wandelnder sozialer Realität. Und damals wie heute entlarven die Fotos Identität und Individualität als die Illusion eines gesellschaftlichen Maskenspiels. Die entscheidende Differenz besteht darin, dass die aktuelle Serie mit ihrem hypothe-tischen Charakter sich der Sozialgeschichte gewissermaßen vorausschauend annimmt, obgleich von genauen Beobachtungen ausgehend. Als einer fotografischen Arbeit überzeugen Bachlers und Weinerts Porträts zudem, weil sie eindrucksvoll anschaulich machen, wie die Kategorie Wahrheit in der Fotografie nicht automatisch das Ergebnis einer dokumentarischen Authentizität ist, sondern vielmehr sich in der Haltung der fotografischen Autoren gegenüber den von ihnen geschilderten Sachverhalten erst entwickelt: Zwar ist jedes einzelne Foto für sich fiktiv und inszeniert, die Serie als Ganzes jedoch zeichnet das überraschend präzise Bild einer Wirklichkeit, die gegenwärtig von vielen erlebt wird.

Text: Dr. Thomas Niemeyer