Karen Weinert | Fotografie

Indizien des Alltags (fotografisches Langzeitprojekt)

ein fotografisches Langzeitprojekt, *seit 2012
an ongoing photographic project, *since 2012
 


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»Ein indirektes Porträt«, Text: Katja Dannowski (aus dem Booklet »Indizien des Alltags«, 2013)

Es gibt Menschen, die ihr Gegenüber nur mit einem Blick zu Boden abschätzen. Getreu dem Motto: „Zeige mir deine Schuhe und ich sage dir, wer du bist!“. Ob Sandale, Slipper oder Sneaker, High Heel oder Hausschuh – sie alle finden Eingang in das neu entstehende fotografische Langzeitprojekt von Karen Weinert. Dieses ist auf einen Zeitraum von etwa 15–20 Jahren angelegt und wird das Schuhwerk von Personen mit unterschiedlicher Ausgangssituation dokumentieren. Über eine Generation hinweg werden dabei in regelmäßigen Abständen die Schuhe aller Menschen eines Haushalts systematisch abgelichtet und so deren Veränderung begleitet und miterlebt.

Die Aufnahmen der Dresdner Fotografin mögen mit ihrem weißen Hintergrund sowie der nüchtern-sachlichen Ästhetik zunächst wie klassische Produktfotografien der Werbebranche anmuten. Doch werden Gebrauchsspuren der Fußbekleidung schnell sichtbar; enttarnt deren unprätentiöse Präsentation den fetischisierenden Objektgedanken als Trugschluss. Auf Requisiten wird vollständig verzichtet. Bildgegenstand ist einzig und allein ein jeweils nebeneinandergestelltes Schuhpaar, das gleichmäßig ausgeleuchtet und frontal von schräg oben in Farbe fotografiert wird. Die Nutzung eines mobilen Ateliers ermöglicht Karen Weinert die Einhaltung formaler Konstanten über Jahre hinweg und sorgt somit für ein einheitliches Erscheinungsbild der Schuhe. Als Gestaltungsprinzip dient, wie so oft im Œuvre der Fotografin, die Serie. Ein Erkenntnisgewinn muss demnach weniger in dem Einzelbild an sich, als vielmehr in der Anzahl der Bilder und deren Zusammenhang untereinander liegen. Der Blick des Betrachters wird durch Vergleich auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede gelenkt.

Ein solches Serienkonzept erinnert in Verbindung mit der Klarheit der Komposition und der ausgewogenen Lichtführung an das fotografische Werk von Bernd und Hilla Becher, deren Aufnahmen von Industriebauten und Produktionsanlagen entsprechend der Neuen Sachlichkeit dokumentarischen Ursprungs sind. Auch der Aspekt des Typologischen eint das Erbe der Becher-Schule und das im Werden begriffene Langzeitprojekt von Weinert. Im Kontext einer konzeptionell aufgefassten, künstlerischen Dokumentarfotografie sei hier ebenso auf die Form visueller Wissenschaft bei dem Fotografen und Fotosammler Hans-Peter Feldmann verwiesen, der von 1968 bis 1976 eine Reihe kleinformatiger Hefte erstellte, in denen er unkommentiert Reproduktionen banaler Alltagsgegenstände zeigt (u.a. Schuhe).¹ Dafür verwendete er teils gefundenes, teils selbst erstelltes fotografisches Material. In der Serie Alle Kleider einer Frau von 1972 fotografierte er darüber hinaus eine Vielzahl verschiedener Kleidungsstücke.² Bei Weinert verweist dagegen ausschließlich das Repertoire der präsentierten Schuhe auf deren Besitzer. Der Gegenstand wird zu einer Metapher, zu einem Symbol. Nicht die Sammlung von Schuhpaaren an sich, sondern deren Verknüpfung mit dem Leben ihrer Träger bestimmt die Komplexität des Projektes: Karen Weinert zeichnet mit der Dokumentation der Schuhe und deren typologischer Anordnung ein indirektes Porträt.

Anzahl und Zustand des Schuhwerks könnten laut einer US-amerikanischen Studie Aufschluss über Alter, Geschlecht und Einkommen geben.³ Abgesehen davon sind auch Rückschlüsse möglich, die aus der Unterscheidung von Berufs- und Freizeitbekleidung heraus resultieren. Oder gibt es diese Trennung womöglich nicht immer? Wie verändert sich der Schuhbestand eines Einzelnen über Jahre hinweg? Wie verändert sich die Zusammensetzung der Schuhe innerhalb der jeweiligen Lebensgemeinschaft? Während Fotografie meist ein statischer Ausschnitt aus Zeit und Raum ist, gerät sie hier in Bewegung. So kann das Auftauchen von sehr kleinen Schuhen die Geburt eines Kindes innerhalb einer Partnerschaft anzeigen, der Abbruch eines Schuhkonvolutes dagegen auf eine Trennung, vielleicht sogar auf den Tod eines Menschen hindeuten.

Die Entwicklung von Karen Weinerts Langzeitprojekt bleibt ungewiss. Genauso wie wohl die Lebensgeschichten der Teilnehmenden, an die es unweigerlich gebunden ist. In dieser Hinsicht ist es ein Experiment mit offenem Ausgang. Die Präsentation der künstlerischen Ergebnisse ist in Form eines Säulendiagramms geplant: Die auf der Ordinate vermerkten Jahreszahlen stehen im Verhältnis zu den auf der Abszisse angeordneten, unterschiedlichen Schuhtypen. Lediglich das Geburtsjahr der Schuhbesitzer ist angegeben, ihre Anonymität bleibt weitestgehend gewahrt. Die Anordnung der Einzelbilder lässt an die Sortierung von Chromosomen in einem Karyogramm denken. Doch inwiefern gibt dieses wirklich Aufschluss über die Beschaffenheit und das Wesen einer „Haushaltszelle“? In der subjektiven Deutung kann der Schuh nur als ein „Indiz des Alltags“ eines Menschen gelesen werden. Der Betrachter bleibt sich schlussendlich selbst überlassen, er allein bestimmt die Größe seines eigenen Interpretationsspielraumes.

1  Hans-Peter Feldmann – 45 Bilder (Schuhe), 1971.
2  Hans-Peter Feldmann – Alle Kleider einer Frau, Serie aus 72 S/W-Fotografien, 1974.
3  Omri Gillath et al. – Shoes as a source
of first impressions, in: Journal of Research
in Personality, Volume 46, Issue 4, August 2012, S. 423–430.


An Indirect Portrait, Text: Katja Dannowski (from the booklet »Indizien des Alltags/Traces of the Everyday«, 2013)

There are people who judge those they meet just by glancing at the floor. Theirs is the motto: ‘show me your shoes, and I’ll tell you who you are’. Karen Weinert has recently embarked on a long-term project in which every variety of footwear will be on display, whether sandals, slippers, sneakers, high heels or loafers. It is planned over a period of about fifteen to twenty years, and will document the changing footwear of people from very different walks of life. The aim is to systematically photograph, at regular lengths of time and over the course of a generation, the shoes belonging to all the people in a single household, as a way of following and bearing witness to the changes they undergo in their lives.

With their white backgrounds and their sober, matter-of-fact aesthetic, Weinert’s pictures might at first seem reminiscent of the classic product photographs of the advertising industry. However, the viewer quickly notices that the footwear shows signs of wear, and that, despite the unpretentious way they are presented, it would be a mistake to see these as fetishised objects. The images are careful not to use any props. They show nothing more nor less than two shoes placed next to each other, evenly lit and photographed, in colour, from an angle to the front and slightly above them. Weinert uses a mobile studio, which enables her both to maintain formal constants over many years and provide a means of presenting the shoes in a uniform way. As so often in this photographer’s oeuvre, the work is conceived and organised as a series. It is therefore best understood not by looking at its individual pictures than it is by looking at all those pictures together, and seeing the relationships between them. Comparing them draws the viewer’s attention both to their similarities and differences.

With its clarity of composition and evenly-balanced lighting, this series concept is reminiscent of the work of Bernd and Hilla Becher, whose pictures of industrial buildings and production plants were the origin of the New Objectivity in documentary photography. The idea of a typology only emerged as Weinert was working on the project, but this too gives it something in common with the heirs of the Becher school. As conceptually-based documentary photography, it may also refer to the form of visual research pursued by the photographer and collector Hans-Peter Feldmann, who produced a series of small-format booklets between 1968 and 1976 which showed, without comment, reproductions of banal, everyday objects – including, among other things, shoes.1 For these he used both found photographic material and images he had taken himself. In his 1972 series Alle Kleider einer Frau (‘A Woman’s Complete Wardrobe’), Feldmann also photographed a variety of different articles of clothing.2 Nevertheless, Weinert’s work differs from his in that it specifically relates the various shoes it shows to their particular owners. In it, the object becomes a metaphor, a symbol. It is not the variety of shoes themselves that determines the project’s complexity, but their connection with the lives of the people who wear them: by documenting the shoes and arranging them typologically, Weinert draws an indirect portrait.

According to a study carried out in the United States, the number of shoes a person owns and the condition they are in can provide significant information about their age, gender and income.3 In addition, it is possible to draw inferences about people’s lives from the difference between their work and leisure clothes. Perhaps, though, this distinction does not always hold. How, for example, does an individual’s collection of shoes change over the course of the years? How does the composition of footwear differ from household to household? While photography normally presents a static detail from a given time and place, here it enters into motion. Thus the appearance of very small shoes can indicate the birth of a child for a couple, while the breaking off of a series of shoes can point to a separation, or even a person’s death.    

It remains uncertain how Weinert’s long-term project will develop, just as it remains uncertain how the lives of those participating in it will develop; the former is inevitably linked to the latter. In this sense, it is an open-ended experiment. Weinert plans to present the results of her work in the form of kind of a bar chart, with the years marked along its vertical axis displayed against the different shoe types ranked along its horizontal axis. The only information given in them is the year in which the owners of the shoes were born; otherwise their anony-mity is as far as possible preserved. The ordering of the individual images is evocative of the arrangement of chromosomes in a karyogram. And yet how much does this really tell us about the nature and structure of an individual ‘household cell’? Any subjective interpretation can only read the shoes as a ‘trace’ of a person’s everyday life. In the end, it remains for the viewer himself to determine the significance of what he sees, and the inferences he draws from it.

1  Hans-Peter Feldmann, 45 Bilder (shoes), 1971.
2  Hans-Peter Feldmann, Alle Kleider einer
Frau, series of 72 black and white photographs, 1974.
3  Omri Gillath et al., Shoes as a source of first impressions in Journal of Research in Personality, Volume 46, Issue 4, August 2012, pp. 423 – 430.