Karen Weinert | Fotografie

Büroklammern biegen (ein fotografisches Ausstellungs- und Buchprojekt)

> Publikation »Büroklammern biegen«


„Wenn wir die Gefangenen nicht beschäftigen, dann beschäftigen sie uns.”
(Leiter einer Justizvollzugsanstalt in Sachsen)

Als Inhaftierter in einem Gefängnis Arbeit zu haben, ist nahezu ein Privileg. Obwohl gesetzlich jeder dazu verpflichtet ist, kann in Sachsen nur etwa die Hälfte aller Strafgefangenen im geschlossenen Vollzug einer regelmäßigen Arbeit nachgehen.

Der Alltag hinter Mauer und Stacheldraht ist für uns hier „draußen“ nicht sichtbar. Er wird bewußt ausgeblendet, übersehen, unsichtbar gemacht. Gefängnisneubauten entstehen an der Peripherie der Städte. Hohe Mauern schützen das Innen und Außen vor gegenseitigen Blicken. Der rankende Pflanzenbewuchs auf der einen Seite kann die Mauer nicht verleugnen, genausowenig wie die Mauer den Stacheldraht auf der anderen Seite verleugnen kann.

Was ungehindert tagtäglich die von Mauern eingeschlossene Welt der Gefängnisse verläßt, sind die von den Strafgefangenen hergestellten Produkte. Sie sind oft nicht als solche zu erkennen, da sie nicht als „made in jail“ ausgewiesen werden. Die Auftraggeber wissen um die Berührungsängste in der Bevölkerung. Nur die in den sogenannten Eigenbetrieben der Gefängnisse entwickelten und hergestellten Produkte werden offiziell nach draußen exportiert, sind jedoch in Sachsen bisher nur über den virtuellen Gitterladen im Internet bestellbar und bleiben somit wiederum vorerst im gefängnisinternen Lager.

Die für dieses Projekt temporär eingerichtete Exposition im Ausstellungsraum bautzner69 in Dresden wird einem realen Gitterladen in der Produktauswahl sicherlich nicht gerecht. Exemplarisch sind Holz- und Tonarbeiten, Möbel und Textilien wie in einem Geschäft arrangiert. Auf der Beschilderung der einzelnen Objekte findet man neben dem Preis und den Materialangaben Hintergrundinformationen zum Produkt und zum Justizvollzug.

In dem die Ausstellung begleitenden Katalog werden Produktabbildungen durch Fotoserien ergänzt. Entstanden ist ein Fotobildband, der auch ein Produktkatalog sein kann, und ein Laden, der gleichzeitig eine Ausstellung ist.

Zwei weitere künstlerische Positionen bewegen sich ebenso zwischen einer Art Produkt aus dem Knast und einem Objekt. Nadin Reschke Kindlimann erkundet mit ihrer Arbeit „Terminende oder Tag der Entlassung“ die Stickerei der JVA Chemnitz. Gemeinsam mit zwei inhaftierten Frauen entwickelte sie eine Taschentuchkollektion für den wichtigsten Tag im Leben jedes Inhaftierten. Entstanden ist ein sehr persönliches Produkt in limitierter Auflage. Ebenso individuell und einfallsreich sind die von Strafgefangenen in der Freizeit illegal hergestellten Gegenstände, die Susanne Hanus aufgespürt hat und die wir gemeinsam in der Ausstellung sowie im Katalog präsentiert haben. Versteckt verbergen sie sich im Umschlag des Buches und hinter einer mattierten Oberfläche der in Acryl gegossenen Fotografien.

Wichtiger Bestandteil der Ausstellung wie des Katalogs sind die ambivalenten Fotografien der Serie „5,80 m“. Über ein Jahr fotografiert, fügen sich die Mauersegmente lückenlos aneinander.

Mein Interesse am Thema des Strafvollzugs galt weniger dem einzelnen, häufig sehr ergreifenden Schicksal – man wird kein Interview und kein Portrait im Katalog finden – als einer sachlichen Darstellung der Arbeitssituation und der damit verbundenen Produkte, die eine Reflexion unserer Gesellschaft herausfordern.


gefördert durch:
VG Bildkunst GmbH Bonn & Kulturstiftung des Freistaates   Sachsen